Ausbildung neu denken.Dossier · 01Klischee mangelnde Ausbildungsreife.
Der Begriff der „mangelnden Ausbildungsreife" wird in der aktuellen Debatte zunehmend als Klischee kritisiert — denn wissenschaftliche Belege für einen generellen Leistungsverfall der Jugend fehlen.
Während ein Großteil der Unternehmen massiv über Defizite klagt, weisen Bildungsforscher darauf hin, dass Kritik an der Leistungsfähigkeit der Jugend eine jahrtausendealte Tradition hat — und oft von den strukturellen Problemen auf dem Ausbildungsmarkt ablenkt.
Was folgt, sind die zentralen Erkenntnisse aus den Quellen zu diesem Spannungsfeld — in vier Kapiteln, gefolgt von einem Fazit für die Praxis.
Wer den Leistungsverfall ausruft, findet ihn nicht in den Daten wieder.
Untersuchungen im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung ergaben keine stichhaltigen Belege für ein generell sinkendes Qualifikationsniveau. Daten des IAB (Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit) verschieben den Befund zudem: Nicht die kognitiven Grundfähigkeiten sind der Engpass, sondern zertifikatsorientierte Auswahlhürden der Betriebe.
Forscher argumentieren, dass oft primär jene Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, die unattraktive Arbeitsbedingungen und eine geringe Bezahlung bieten. In solchen Fällen neigen Unternehmen dazu, die Schuld für die Nichtbesetzung einseitig bei den Jugendlichen und deren angeblich fehlender Reife zu suchen.
Im Kern: Der Fehler liegt selten in der Intelligenz, fast immer in der Passung. Wer den Leistungsverfall ausruft, sucht das Problem bei den Jugendlichen — und übersieht den eigenen Unternehmen.
Was die Unternehmen melden, ist eine Wahrnehmung — keine Messung.
Die häufig zitierten Umfragen, in denen etwa 87 % der Unternehmen Mängel bei Schulabgängern beklagen, basieren auf subjektiven Rückmeldungen der Arbeitgeber. Forscher kritisieren, dass diese Ergebnisse oft als „Beweis" für fehlende Reife genutzt werden — ohne die Rolle des Unternehmens oder der Attraktivität des Berufs zu berücksichtigen.
Studien (z. B. aus der Schweiz) belegen, dass selbst sogenannte „Risikoschüler" mit schlechten PISA-Werten zu 60 % eine Berufsausbildung erfolgreich abschließen, wenn sie die Chance dazu erhalten. Die schulischen Voraussetzungen lassen also kaum verbindliche Rückschlüsse auf den tatsächlichen Ausbildungserfolg zu.
Im Kern: Ein schlechter PISA-Wert ist kein Urteil, sondern eine Momentaufnahme. 6 von 10 „Risikoschülern" schaffen den Abschluss — wenn das Unternehmen Chance und Umfeld bietet. Das „wenn" liegt bei Ihnen.
Von „Reife" zu Kompetenz.
Die DIHK empfiehlt, den traditionellen Begriff der „Ausbildungsreife" zu einer „Ausbildungsstartkompetenz" weiterzuentwickeln. Dieser neue Ansatz soll moderne Fähigkeiten wie digitale Kompetenzen, Kreativität und Problemlösungsfähigkeit stärker in den Fokus rücken — statt nur auf klassische Schulnoten zu blicken.
Unternehmen müssen heute akzeptieren, dass Bewerber heterogener sind als früher. Das Ziel verschiebt sich weg von der Suche nach dem/der „perfekten Auszubildenden" hin zur Identifikation von Potenzialen. Ausbildung wird damit zunehmend zu einer Aufgabe, bei der Unternehmen Grundlagen selbst stabilisieren müssen.
Im Kern: Solange Sie den/die „perfekten Auszubildenden" suchen, warten Sie ewig. Wer stattdessen Potenzial erkennt und Grundlagen selbst stabilisiert, baut sich seine Fachkräfte — statt auf sie zu warten.
TikTok ist keine Excel-Tabelle. Wer das verwechselt, hält den Lehrling für dumm.
Ein Teil des Klischees rührt daher, dass Ausbilder die hohe digitale Alltagskompetenz der Jugendlichen (z. B. TikTok-Nutzung) mit einer digitalen Arbeitskompetenz verwechseln. Wenn Auszubildende dann Schwierigkeiten haben, Tabellen zu strukturieren oder Daten professionell zu interpretieren, wird dies fälschlicherweise als mangelnde Grundreife interpretiert — obwohl es sich um spezifische berufliche Fähigkeiten handelt, die erst vermittelt werden müssen.
Im Kern: Dass ein(e) Auszubildende(r) kein Excel kann, ist kein Zeichen mangelnder Reife, sondern eine fehlende berufliche Fertigkeit — die das Unternehmen heute selbst vermittelt. Wischen können alle; strukturieren lernt man im Unternehmen.
Was 2012 These war, ist heute Datenlage.
Der Impuls der Hans-Böckler-Stiftung stammt von 2012. Die aktuelle Forschung bestätigt seinen Kern — und verschärft ihn: Der Engpass liegt in Passung, Attraktivität und Begleitung, nicht in der „Reife" der Jugend.
Kein empirischer Beleg für einen Leistungsverfall — das eigentliche Problem ist die Passung und Attraktivität der Stellen, nicht „mangelnde Reife".
Passungsproblem bestätigt: 73 % der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten finden keine geeigneten Bewerber — ein Anstieg um 4 Prozentpunkte.
DIHK-Ausbildungsumfrage 2025 →Lehrstellen bleiben unbesetzt, obwohl Jugendliche eine Ausbildung suchen.
Mismatch auf beiden Seiten: Zehntausende unbesetzte Ausbildungsstellen treffen zeitgleich auf zehntausende unversorgte Bewerber.
Berufsbildungsbericht →Der Begriff „Ausbildungsreife" gilt als unscharf und berufsbildungspolitisch umstritten.
Begriff abgelöst: Die DIHK empfiehlt, von „Ausbildungsreife" auf „Ausbildungsstartkompetenz" umzustellen — weg vom Defizit, hin zur Entwicklung.
DIHK · Ausbildung 2024 →60 % der PISA-„Risikoschüler" schließen die Ausbildung erfolgreich ab — wenn sie begleitet werden.
Fokus auf Förderung: Betriebe stabilisieren Basiskompetenzen selbst und beugen Abbrüchen durch Begleitung vor — statt Bewerber vorab auszusortieren.
KOFA · Schöpp →FHNW · Dropout →Jugendliche nicht stigmatisieren — sondern aktiv integrieren.
Die Quellen kommen unabhängig voneinander zu einem ähnlichen Schluss: Der wichtigste Faktor für einen erfolgreichen Abschluss ist nicht die „Reife" des Jugendlichen, sondern die Passung zwischen Mensch und Unternehmen.
Ausbildungsbegleitende Hilfen einsetzen.
Statt Bewerber im Vorfeld zu sortieren, lassen sich Grundlagen ausbildungsbegleitend stabilisieren — über Stützunterricht, Nachhilfe, externe Lernpartner.
Mentorenprogramme aufbauen.
Persönliche Begleitung im Unternehmen fängt Unsicherheiten auf, bevor sie zum Abbruch werden. Mentoring hat eine messbar höhere Wirkung als jedes Auswahlverfahren.
Einstiegsqualifizierung (EQ) nutzen.
Die EQ erlaubt Jugendlichen einen längeren Anlauf — und Unternehmen einen ehrlichen Blick auf das Potenzial, bevor verbindlich geschlossen wird.
Auf hohe Passung setzen — nicht auf den/die „perfekten Auszubildenden".
Der entscheidende Faktor für einen erfolgreichen Abschluss ist die Passung zwischen Interessen des Jugendlichen und Profil des Unternehmens. Reife folgt aus Passung, nicht umgekehrt.
Auswahl der zitierten Quellen.
Die Frage ist nicht, ob die Jugendlichen „reif" genug sind. Die Frage ist, ob Ihr Unternehmen auf Passung statt Perfektion setzt.
Ob eine Ausbildung gelingt, entscheidet selten die Vorgeschichte des Bewerbers — sondern die Struktur, die ihn aufnimmt und begleitet.
Mehr als Matching. Für Ausbildung, die passt.